Ein Krieg in Europa – bis vor ein paar Jahren noch unvorstellbar. Doch seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine am 24. Februar 2022 ist das für viele Menschen die bittere Realität. Es folgten Gewalt, Elend und Flucht. Rund 1300 Ukrainer flohen nach Ingolstadt, unter Ihnen auch Jugendliche. Nazar ist einer von ihnen und mittlerweile Apianer. Was er über sein Ankommen in Deutschland erzählt und wie er die aktuelle Ukraine-Politik beurteilt, erfahrt ihr in diesem Interview.
Stell dich doch gerne einfach mal kurz vor und erzähl uns ein bisschen was über dich.
Mein Name ist Nazar, ich bin gerade 18 Jahre alt geworden und vor ungefähr dreieinhalb Jahren nach Deutschland gezogen. Jetzt gehe ich aufs Apian-Gymnasium. In den letzten Jahren habe ich Deutsch gelernt und arbeite nun als Nebenjob, mit Kindern zusammen. Ich stehe kurz vor meinem Abitur und plane danach Wirtschaftsinformatik zu studieren.
Du kommst ursprünglich aus der Ukraine. Wie und wann bist du nach Deutschland gekommen?
Ich bin etwa zwei Monate nachdem der Krieg begonnen hatte mit meiner Mutter umgezogen. Das war sehr spontan. Es war nicht geplant, unsere Heimat für eine längere Zeit zu verlassen.
Wir sind zuerst eine Woche in der Stadt Lviv (Stadt in der Westukraine, Anmerkung d. Redaktion) geblieben und sind dann, mit der Hilfe von ehrenamtlichen Helfern nach Deutschland gekommen. Wir hatten hier weder Bekannte noch Freunde. Schließlich wurden wir dann von einem älteren deutschen Ehepaar aufgenommen.
Wie wurdest du bei Deiner Ankunft in Deutschland aufgenommen? Wie war es für dich eine neue Sprache zu erlernen?
Wir wurden sehr gut aufgenommen. Ich fand, dass die Menschen hier wirklich sehr nett sind. Beispielsweise haben unsere Vermieter und unsere Nachbarn alles Mögliche getan, um uns zu helfen. Es wurde mir zum Beispiel ein Fahrrad zur Verfügung gestellt. Auch der deutsche Staat unterstützt uns Ukrainer und die Ukraine selbst.
Den ersten Monat war es wirklich cool, weil ich zum ersten Mal im Ausland war. Aber dann habe ich gemerkt, dass mir viele Sachen, an die ich mich gewöhnt hatte, fehlen und dass ich mich hier vom Grunde an neu integrieren muss. Es war zwar schwer, aber nach ein paar Monaten lerne ich Deutsch und die Situation hat sich verbessert.
Hast du auch Freunde oder Familie in der Ukraine und hast du zu ihnen noch Kontakt?
Ja, natürlich. Mein Vater ist in der Ukraine geblieben. Er ist mit 61 Jahren zwar nicht mehr wehrpflichtig, aber er hat einen guten Job als Architekt. In Deutschland könnte er aufgrund seines Alters keinen vergleichbaren Job mehr finden. Nicht jeder Mensch kann fliehen, weil das ganze Leben mit Eigentum, Familie und Freunden, die bleiben, daran hängt.
Und du bist mit deiner Mutter hierher gekommen, damit ihr in Sicherheit seid?
Ja, da es eine enorme Belastung ist, in einer Stadt zu leben, die ständig bombardiert wird. Natürlich ist das Risko, dass man stirbt oder verletzt wird, relativ niedrig. Es wohnen auch jetzt noch Millionen von Menschen in solchen Städten. Ich bin übrigens aus Dnipro, das ist eine große Industriestadt. Diese liegt im Südosten der Ukraine, also relativ nah am umkämpften Gebiet.
Was halten dein Vater oder andere deiner Bekannten in der Ukraine von den aktuellen Debatten zur Ukraine-Hilfe?
Ich glaube, einige sind der Meinung, dass nicht genug unterstützt wird, dass man beispielsweise – gerade in der Anfangsphase – mehr Waffen hätte liefern sollen und jetzt auch stärkere Waffen, wie leistungsstärkere Raketen.
In Bezug auf Europa sind trotzdem, glaube ich, viele sehr zufrieden, denn Europa ist ein sehr wertvoller und starker Partner. Im ukrainischen Parlament wird das dadurch ausgedrückt, dass neben der ukrainischen Flagge auch eine Flagge der EU zu finden ist.
Und was ist deine Meinung zu diesen Diskussionen?
Ich glaube, manche Leute empfinden die Gefahr nicht als so ernst wie sie tatsächlich ist. Denn man wird nicht in der Lage sein mit Russland zu verhandeln, falls dieser Konflikt doch weiter eskaliert. Es könnten beispielsweise weitere baltische Länder wie Estland oder Litauen angegriffen werden, oder falls die Ukraine eine Niederlage erleiden sollte, könnte sich der Krieg weiter auf Polen ausbreiten. Aufgrund dieser möglichen Zukunft muss man den aktuellen Krieg sehr ernst nehmen. Deshalb finde ich auch eine Wehrpflicht nicht so schlimm, obwohl ich selbst ein Pazifist bin. Durch meine persönlichen Erfahrungen verstehe ich, dass man in der Lage sein muss, sich mit militärischen Kräften verteidigen zu können.
Wie stehst du zu den sogenannten „Friedensgesprächen“, die momentan zwischen Russland und den USA geführt werden?
Das ist eine gute Frage. Meiner Meinung nach, versucht Donald Trump eher sein eigenes Image aufzubessern, als wirkliche Kriege zu beenden. Daher fand ich das „Alaska-Treffen“ (am 15.8.2025, Anmerkung der Redaktion) auch hochgradig kontraproduktiv, da alle Sanktionen der USA und der EU das Ziel hatten, Russland und somit auch Putin zu isolieren. Trump hat mit diesem Treffen genau das Gegenteil gemacht, als er Putin sozusagen auf einem roten Teppich in sein Land eingeladen hat. Dieses Gespräch hat im Endeffekt auch nichts gebracht, denn für Putin sind das nur leere Worte.
Ich denke zwar schon, dass Trump ernsthaft und aufrichtig eine Lösung zu finden versucht, aber er versteht vielleicht nicht, dass es für Putin keine rationalen Gründe gibt, den Krieg zu beenden. Ich persönlich glaube, dass Putin diesen Krieg aus Lust und Laune weiterführen wird.
Glaubst du, dass dieser Krieg überhaupt beendet werden kann und wenn ja, wie?
Jeder Krieg wird ein Ende finden, die Frage ist nur wie. Ein positives Szenario wäre, dass die Ukraine diesen Kampf übersteht, ihre eroberten Territorien zurückerlangt, um sich z.B. weiter in Richtung EU zu entwickeln – damit wir unseren Frieden wiederbekommen, um wieder ein schönes, lebenswertes Land zu werden.
Ein negatives Szenario wäre, wenn es die Ukraine nicht schaffen würde. Der Krieg könnte in eine Art Stillstand verfallen, wenn in Russland beispielsweise eine Finanzkrise ausbricht. In so einer Situation könnten sie keine weiteren Investitionen in den Krieg tätigen. Das sind aber nur Vermutungen, da man als Bürger natürlich keine Einblicke in Informationen der Politik hat. Ich glaube aber, auch die Politiker wissen nicht genau, was kommen wird.
Gibt es etwas, das du unseren Leserinnen und Lesern noch mitgeben möchtest?
Ich finde es wichtig, dass die deutsche Gesellschaft weiterhin informiert bleibt und dass weiterhin diese Hoffnung und Solidarität mit der Ukraine besteht. Es ist auch ganz wichtig, dass, egal ob bei Landtagswahlen oder Bundestagswahlen, Parteien unterstützt werden, die ukrainefreundlich sind.
Vielen Dank für das Gespräch!







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