Vertauschte Welten und Noemi mittendrin (Teil 3)

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Kenza Mili

… und ich hatte ein Gefühl von Zugehörigkeit. Das Auto der Desjardins war groß und ich erfuhr ihre Namen, das Mädchen hieß Margot, die Mutter Clara und der Vater Jean, er kam mir nicht so sympathisch vor, aber ich fokussierte mich einfach auf Margot, denn ich werde ja morgen mit ihr in das College Chaptal, ihre Schule, gehen. Es war mittlerweile 18:23 Uhr, als wir ankamen. Clara und Jean stiegen zuerst aus dem Auto, um Margot mit dem Rollstuhl zu helfen. Währenddessen sah ich mich um, ihr Haus lag wirklich mitten im nirgendwo, doch das gefiel mir denn in der Nähe gab es einen Wald. Das Haus ist in ein zartes rosa getaucht und um die Fenster herum hingen Efeuranken. Ein bisschen kitschig muss ich schon sagen. Der Garten, der nicht umzäunt war, war riesig und überall waren Blumen. <<Noemi, komm schon!>>, rief Margot und stand, beziehungsweise saß, schon an der Türschwelle. Bevor ich zu ihr kam, schielte ich rüber zum Wald. Er zog mich an und ich war kurz davor, hineinzurennen. Da ich meine Gastfamilie nicht verstören wollte, tat ich es nicht.

Ich trat in das Haus und ehe ich mich versah, roch ich den Geruch von Tulpen und Rosen. Um ehrlich zu sein hatte ich Macarons und Eclairs erwartet, aber das hier war immer noch besser als eine Familie, die mich belügt und so tut, als wäre nichts. Von innen sah das Haus wirklich wie ein Garten aus. Die Wände waren grün und es gab so viele Zimmerpflanzen, dass ich nicht einmal aus dem Fenster blicken konnte. <<Also Noemi>> begann meine Gastmutter << Bist du das erste mal hier in Paris?>> Ich war so fasziniert von ihrer Einrichtung, dass ich mit ja antwortete, auch wenn ich noch nie in Paris war. << Wie geht es deinem Schwarm, ich meinte Familie?>>

Ihr kleiner Versprecher war verdächtig, egal was sie verbergen, ich werde auch dies herausfinden. Aber zuerst einmal wollte ich mich seit Langem wieder wie zuhause fühlen. Beinahe hatte ich vergessen zu antworten, aber ich meine, was soll ich ihr denn sagen ´ja eigentlich habe ich herausgefunden, dass ich adoptiert wurde´

Schließlich antwortete ich: <<Gut>>

Was ich besonders cool fand, war dass es einen Aufzug gab. Den benutzte hauptsächlich Margot, aber heute durfte ich auch mit. Das Obergeschoss bestand aus einem Flur und drei Zimmern, das von Margot und das ihrer Eltern, zusätzlich gab es ein großes Badezimmer. Ich betrat Margots Zimmer, die Wände waren in hellrosa getaucht. Margot bemerkte mein Staunen und kicherte leise. Überall standen Pflanzen, eine Efeuranke hing an ihrem riesigen Fenster, welches das Zimmer hell erleuchten ließ. Langsam, aber sicher, fuhr Margot über die Türschwelle. <<Du kannst das Bett da drüben haben>>, meinte sie und zeigte auf ein kleines gemütliches Bett mit Kissen in Form von kleinen Blumen. Die Atmosphäre gefiel mir echt gut und ich packte meinen Koffer aus, denn das Bett hatte unten so eine Schublade. Erst dann fiel mir auf, wie ordentlich ihr Zimmer ist. <<A table, Margot et Noemi!>> Margot übersetzte für mich, Clara hat gesagt, dass wir zum Essen kommen sollten. Ich denke, sie hat sich viel Mühe gegeben, denn es sah richtig vornehm aus. Auf dem Tisch standen Gläser und vor jedem Stuhl eine Schüssel mit Suppe auf einem Teller. Es roch ziemlich gut. Ich setzte mich. Zuerst saßen wir ganz still, aber als ich meinen Mund öffnen wollte, brachte Jean die Hauptspeise herein: Eine Schüssel mit warmer Ratatouille, er gab jedem eine Portion. Ich biss auf das erste Stückchen Aubergine, die dann auch gleich in meinem Mund schmolz, doch es fühlte sich trotzdem noch frisch an. Margot aß mit wissendem Gesicht. Damit es nicht mehr so unangenehm ruhig war, fragte ich: <<Für eine Französin sprechen sie richtig gut deutsch. Woran liegt das?>>

<<Nun ja, ich habe in Deutschland studiert, habe dort auch Jean kennengelernt und wir sind gemeinsam nach Frankreich gezogen>>, antwortete sie. Nach dem Abendessen bin ich mit Margot nach oben in ihr Zimmer gegangen.

Um ehrlich zu sein hatte ich gar nicht gemerkt wie müde ich war. Meine Augen fielen mir fast zu. <<Du musst ja sehr müde sein, schlaf gut, Noemi>>. Sie rollte mit ihrem Rollstuhl weg und ich hätte schwören können, ich hätte Glitzerstaub oder so etwas in der Art gesehen. Manchmal, wenn ich über zwölf Stunden wach blieb, halluzinierte ich, aber daran war ich mittlerweile gewöhnt. Ich hatte keine Ahnung warum, aber ich fühlte mich hier in Paris so unglaublich wohl und wieder spürte ich diese magische Anziehungskraft. Aber dann erinnerte ich mich an meine Familie. Was Finn wohl heute gemacht hat. Ich hoffe er ist nicht in mein Zimmer. Oder Mom, ich vermisse sie so unglaublich. Es ist nicht mal ein Tag vergangen und so sehr hatte ich Heimweh.

 

 

Donnerstag, 21.März

Am nächsten Morgen, weckte mich Margot, indem sie ein Lied sang: << Frere jaque>>. Es klang echt schön, aber es war schnell Morgen geworden und ich konnte nicht aufstehen. << Komm, Noemi. Es ist schon 8:00 Uhr, gleich ist Frühstück.>> Heute war mein erster Schultag in Frankreich und ich freute mich so sehr, endlich so eine coole Erfahrung zu machen. << Ich komme gleich, gib mir noch 5 Minuten>>, mit einem Lächeln fuhr sie in die untere Etage und ich stand vom Bett auf. Ich zog mir meine grüne Hose und mein weißes Sweatshirt an. Das Frühstück war tausendmal besser, als das Abendessen. Pain au chocolat, Croissants, Baguette mit Marmelade und viele weiteren Leckereien. Zu Trinken gab es frisch gepressten Orangensaft. <<Aus unserem eigenen Garten>>, meinte Clara. Was ich seltsam fand, denn es gab in ihrem Garten eigentlich keine Obstbäume.

Um 9:15 Uhr brachte Jean mich und Margot zur Schule. Der Schulhof war voll und auf einem Podest stand ein großer, etwas schlanker Mann. Margot erklärte mir: <<Das da vorne ist unser directeur, also unser Direktor.>>

Ich blickte mich um, denn ich suchte nach Penelope. Als ich sie fand, winkte ich ihr, aber sie schaute schon auf den Direktor, welcher mit seiner Rede anfing. << Liebe Austauschschüler, liebe Austauschschülerinnen, herzlich Willkommen am College Chaptal. Nun bringen euch eure Austauschpartner in die jeweiligen Klassen.>>

Margot brachte mich in ihr Klassenzimmer. Viele Kinder liefen herum. An der Tafel stand die Deutschlehrerin Madame oder Frau Vincent. Sie klatschte in die Hände, der Unterricht fing an. <<Bonjour>>, sagte Frau Vincent, <<Da wir ja Austauschschüler d´Allemagne haben, schlage ich vor, ein Vorstellspiel zu spielen. Wir stellen uns alle in einen Kreis und werfen uns diesen Ball zu, derjenige, der den Ball fängt, verrät uns seinen Namen und wirft den Ball weiter.>>

Als wir im Kreis standen, bemerkte ich erst wie viele wir waren. In Bamberg hätte ich es sicher unangenehm gefunden, doch hier fühlt sich so etwas endlich mal richtig an.

Nach der Schule setzten Margot und ich uns ins Gras in ihrem Garten und genossen die Sonne. Plötzlich fragte ich mich: <<Noemi, es ist doch März und wir sitzen hier und genießen die Sonne … aber geht man 20 Meter weg vom Haus ist es wieder kühl.>>

Als Hausaufgabe müssen wir bis nächsten Montag eine Präsentation über Paris und Bamberg machen.

<<Was ist eigentlich mit deinen Augen?>>, fragte Margot mich. Ich wollte kein großes Thema daraus machen, deswegen sagte ich:<<Das ist angeboren.>> Sie nickte anerkennend, zog sich aus ihrem Rollstuhl und legte sich auf das weiche Gras. Ich legte mich neben sie und sah ich mich um. Das Gras roch frisch, die Vögel zwitscherten und die Blumen wirkten fröhlich. Es war wie ein Zaubergarten. Nach einer Weile rief Clara Margot zu sich ins Haus. Während sie weg war, schielte ich erneut zum Wald rüber. Ich stand auf und ging ein paar Schritte, doch da kam Margot wieder. <<Was war los?>>, fragte ich sie, doch sie winkte nur ablehnend mit der Hand. Schließlich nahm ich allen meinen Mut zusammen und fragte: <<Können wir mal zu diesem Wald gehen?>> Margot erschrak, sie schüttelte energisch den Kopf, <<Nein! Niemals!>>.

Später nach dem Abendessen machten wir uns Bett fertig und setzten uns auf den blumenförmigen Teppich. Margot machte die Lichterkette an und es herrschte eine wunderschöne Atmosphäre. Sie schlug vor Wahrheit oder Pflicht spielen, ich stimmte zu.

<<Noemi, Wahrheit oder Pflicht?>>

<<Ähm Pflicht!>>

 

<<Mach das ähm Fenster auf und ruf: Bonne nuit Paris!>>

Ich kicherte, denn Margots französischer Akzent klang lustig, und ging zum Fenster, doch blickte wieder zu Margot, ob ich das wirklich machen sollte, sie nickte energisch. Dann rief ich in die Nacht hinaus.

Nach einigen lustigen Fragen und Pflichten wurde es nach meiner Frage <<Warum bist du eigentlich im Rollstuhl?>> plötzlich ernster. <<Es … es ist eigentlich so wie mit deinen Augen>>, erklärte sie mit trauriger Miene, <<ich ähm … ich erkläre es dir später in der Nacht. Auf gewisse Art und Weise …>>

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